Die Mentalität Sri Lankas

 

"Brauchst du Hilfe?" Eine Frage die wohl jeder dem einzigsten Weißen stellen würde, der leicht irritiert auf und ab schreitend auf sein Telefon starrt.

"Nein, ich warte auf Jemanden."

Viele unbeantwortete Anrufe, ein üppiges Mittagessen, drei Tee und einen halben Wegwerfroman später kommt dann der Rückruf. "Mir ist noch was dazwischengekommen. Ich fahr jetzt los!"

Als schließlich das Motorrad um die Ecke kommt, möchte die Neugier natürlich bedient und die böse Vorahnung vertrieben werden. "Was ist denn passiert?"

"Oh, ich war so müde. Da hab ich mich nochmal eine Weile hingelegt."

Für das deutsche Auge ähnlich bizarr dürften wohl täglich Auswärtige ihre ersten kulturellen Erfahrungen in südasiatischen Ländern machen. Bizarr genug, um selbst einem akribischen Vorausplaner ins Bewusstsein zu rufen, die Situation falsch gehandhabt zu haben.

Die klassische Art, ein Treffen in Sri Lanka zu handhaben, sieht eher so aus:

"Hallo, wir hatten uns letzte Woche zufällig getroffen und uns über meine Firma unterhalten. Mein Chef hat grad Zeit für ein Vorstellungsgespräch. Wo bist du? Ich hol dich ab."

Spontanität, Flexibilität und eine erstaunliche Fähigkeit jeglichen Termin ohne zu Zucken auf den nächsten Tag verlegen zu können charakterisieren den Alltag Sri Lankas. Sollte doch Planung im Spiel sein, so wird höchstens ein zu jeder Zeit änderbarer Tag festgelegt.

Ein solches System hat viele Überraschungen zu bieten, und kann viele positive Wendungen in kurzer Zeit herbeiführen. Leider fallen diesem Modus Operandi aber eben so viele Entwicklungsperspektiven zum Opfer, denn diese Herangehensweise breitet sich in alle Regierungs- und Administrationsebenen aus. Kollabierende Bauten, hochgiftige Abwässer die sich ihren Weg in Seen und Flässe bahnen und Deponierung von Bauerde in Flüssen, die über die Ufer treten und anliegendes Ackerland unwirtlich machen sind Probleme, die in Sri Lanka zur Realität gehören.

Diese Beispiele illustrieren, wie selbst wichtige Geschäftstreffen durch hohe Spontanität jegliche Vorbereitungsmöglichkeit auffressen. Nicht alle Einheimischen sehen dies als großes Problem an. Zumindest nicht am Anfang, entstehen aber die ersten Probleme in einem Projekt durch vergessene Vorbereitung, so wird plötzlich alles daran gesetzt diese auszumerzen. Doch so unmöglich es ist einem fahrendem Auto eine Bremse einzubauen, wenn man plötzlich auf eine geschäftige Kreuzung stößt, so wenig ist eine Firma fähig alle angerichteten Schäden in einem ungeplanten Projekt während des Ablaufs zu beheben.

Sri Lankanische Arbeitsmentalität sieht wenig Selbstverwirklichungsmöglichkeiten vor. Menschen in weiten Teilen Asiens gehören einer Familienkultur an: Das Interesse und die Tradition der Familie stehen über den Entscheidungen der jungen Generation. Auch wenn die Globalisierung die Entscheidungsgewalt langsam in die Hände des Einzelnen übergibt, so ist es nach wie vor Normalität im Berufsleben Eltern und Geschwister zu unterstützen. In armen Familien werden fähige Kinder auch heute noch in vielverdienende Karrierepfade gedrängt. Sollte eine Möglichkeit sich nicht auszahlen, so lassen die Menschen sie hinter sich und wenden sich etwas neuem zu.  Bietet die geleistete Arbeit nicht eine direkte Entlohnung, so wird sie verlassen. Eine Denkweise, die jegliches soziales Ehrenamt dem Einzelnen unattraktiv macht, und so vielen Gegenden das Potential zur Selbsthilfe nimmt. Besonders unter ungebildeten, arbeitslosen Menschen ist die Denkweise des Fremdbestimmtseins weitläufig. "Was kann ich denn schon ausrichten um Arbeit zu finden? Es ist auswegslos, bitte helft mir!"

Kontake und Netzwerke sind in den Kulturen Südasiens sehr wichtig. Sowohl innerhalb der Familie, als auch unter Freunden und eher flüchtigen Bekanntschaften werden von den meisten Leuten extensive Netzwerke unterhalten. In der Regel werden hin und wieder flüchtige Nachrichten verschickt oder kurze Treffen aus Höflichkeit arrangiert um in Kontakt zu bleiben. Sollte es einmal notwendig werden die Hilfe des Anderen in Anspruch zu nehmen, so kann man dies für sich selbst oder einen Freund tun.

Die Gastkultur in Sri Lanka ist eine sehr formale Angelegenheit, die trotz langer Bekanntschaft in keinem Punkt an Standard und Ehre verliert. Gäste im eigenen Haus werden immer mit einigen Bissen und Tee bewirtet. Einem Gast wird nie die Tür gezeigt, sondern immer gewartet, bis er von sich aus gehen will. Bei Bedarf ist der durchschnittliche Gastgeber ist darauf bedacht, Arrangements für seine Gäste vorzubereiten. So rigide, wie dies von Seiten des Gastgebers angeboten wird, so fest wird auch damit gerechnet, dass der Gast diese annimmt. Ablehnung ist zwar möglich, wird aber als nicht sehr freundlich aufgefasst. Der in Deutschland weit verbreitete Brauch des Gastgeschenkes ist in Sri Lanka komplett unüblich.

 

Verfasst von Bastian Drendel