Stellung der Frau

 

Schaut man sich in der Ostprovinz Sri Lankas um, so erscheint die Frau als scheue, keusche und auf die Familie besonnene Mutter und der Mann als Ernährer seiner Familie. Ein Stereotyp, der sich auf den ersten Blick zu bestätigen scheint.

Denn ist man in Nintavur zu Besuch, so reicht die Frau des Hauses Tee und Gebäck, während die Männer im Wohnzimmer sitzen und sich unterhalten. Frauen bleiben eher selten in der Nähe, wenn fremde Männer in zu Besuch sind. Unterhaltungen mit Frauen zu führen ist für einen fremden Mann zwar möglich, aber meist nicht sehr ergiebig.

Ein noch stärkeres Bild zeichnet die Erklärung eines Süßwarenverkäufers, der in seinem ursprünglichen Beruf als Elektrotechniker eine Arbeitsstelle in Kilinochchi, fernab seiner Familie, angeboten bekam. „Dafür müsste ich den Laden aufgeben. Eigentlich könnte meine Frau ihn ja übernehmen, aber sie will nicht. Denn was würden die Leute sagen? 'Warum muss sie einen Laden allein unterhalten? Ist sie in ihrem Alter noch nicht verheiratet? Ist sie verwitwet?' Die Menschen erwarten von einer Frau, dass sie sich um Kind und Familie kümmert. Es wäre besser für uns, wenn ein Mann den Laden führte.“

Heutigen Frauen, die vor 40 Jahren oder noch davor in einen armen oder traditionellen Haushalt geboren wurden, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit der Zugang zu Bildung erschwert oder verweigert. Die Entscheidungsgewalt über Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten der Frauen in der Familie liegt beim Vater oder Ehemann. Da besonders die Armen auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen sind, hat sich die Denkweise der Familien in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt. Da ein höherer Bildungsstand der eigenen Kinder, die spätere Hilfe vervielfacht, gehen mittlerweile genauso viele Mädchen wie Jungen zur Schule. Die Universitäten erfahren sogar einen Frauenüberschuss.

Bereits seit 1931 gibt es das Frauenwahlrecht und das Land konnte mit Sirimavo Bandaranaike bereits 1960 der Welt die erste Premierministerin präsentieren. Heute studieren in Sri Lanka mehr Frauen als Männer an den Universitäten, Professorinnen gibt es ebenso wie Professoren. Gut gebildete Frauen schaffen es auch in anderen Bereichen der Wirtschaft Arbeit zu finden: Banken, Handel und Bildung sind nur wenige Beispiele der offen stehenden Möglichkeiten. Höhere Managementposten sind jedoch für Frauen schwer zugänglich: Ein gängiger Stereotyp schreibt Männern eine bessere Verhandlungsgabe und Härte als Frauen zu, die für diese Posten benötigt werden.

Mitgift ist, wie im gesamten südasiatischen Raum, auch in Nintavur ein großes Wort und hängt wie ein Damoklesschwert über Familien mit Töchtern. Es ist sozial im Ort verankert, dass die Familie der Braut dem jungen Paar ein Haus zur Familiengründung baut. Sind die Eltern nicht in der Lage die immensen Kosten zu stemmen, so wird die Finanzierung an die Söhne weitergegeben. Gibt es jene nicht, so muss die Braut selbst das Geld aufbringen, oder unverheiratet bleiben. Die Möglichkeit im Ausland zu arbeiten, wo doppelte Gehälter im Vergleich zu Sri Lanka gezahlt werden, gewinnt so für beide Geschlechter an Attraktivität. Jedoch wird Frauen dieser Weg erschwert. Aus dem Ausland zurückkehrende Frauen, werden misstrauisch betrachtet. 'Wie hat sie sich im Ausland verhalten? Hat sie dort wirklich nur gearbeitet?', sind einige der Fragen unter denen der soziale Status der Frau und ihre Möglichkeit verheiratet zu werden leiden.

Läuft man in Nintavur auf der Straße, so fällt schnell auf, dass die meisten Passanten männlich sind. Viele Frauen haben Angst, allein auf die Straße zu gehen, besonders wenn sie abseits größerer Straßen wohnen. Viele junge Frauen bewegen sich in größeren Gruppen oder fahren mit der Rikscha zu ihren Zielen. Denn egal welcher Altersklasse sie angehören, sie sehen sich alle je nach Wohnort stärker oder schwächer mit sexueller Gewalt konfrontiert. Starren, anzügliche Bemerkungen und unerwünschte Berührung sind Probleme die inselweit verbreitet sind. Übergriffe, auch auf Kinder, kommen vor, werden aber oft nicht öffentlich bekannt. Erst seit 1995 ist sexuelle Belästigung in Sri Lanka ein Verbrechen – doch vielen Menschen ist die Gesetzgebung, die sie eigentlich schützen sollte unbekannt oder die Scham, zur Polizei zu gehen ist zu hoch. Denn selbst dort kann es passieren, dass anstelle von Hilfe weitere Belästigungen die Folge sind. Nicht zuletzt sinkt der soziale Status einer Frau, wenn ihre Vergewaltigung bekannt wird.

 

Verfasst von Bastian Drendel